Manchmal holt die Wirklichkeit von heute die Witze von gestern ein. Ein E-Mail-Dienst mit Ruhetag am Montag, bei dem es schon mal vier Tage dauern kann, bis eine Mail zugestellt ist, ist ja an sich schon ein schlechter Witz. Genau so etwas versucht die Deutsche Post gerade mit einer absurd riesigen Werbekampagne einzuführen: Den E-Postbrief. Merke: Die Größe einer Werbekampagne ist umgekehrt proportional zum Nutzen eines Produkts für den Kunden.
Der “Nutzen” in diesem konkreten Fall: Wer den E-Postbrief der Post nutzt, muss täglich seine E-Mails abrufen, der Weitergabe seiner Daten zustimmen und zahlt dann für eine E-Mail genauso viel wie für einen Brief aus Papier: 55 Cent. Dafür hat dann ein E-Postbrief an ihn die gleichen Rechtsfolgen (in Hinsicht Verbindlichkeit) wie ein konventioneller Brief.
Aber der größte Witz ist eben: Google hat das schon vor Jahren angeboten. Bloß war es bei denen ein Aprilscherz und keine ernstgemeinte Geschäftsidee.
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Kann man sich einen Kubikkilometer vorstellen? Einen Würfel von 1000 Meter Kantenlänge? Ein Kubikkilometer entspricht einer Milliarde Kubikmeter. Wenn man ein Gewicht von nur einer Tonne pro Kubikmeter annimmt, wären das also 1 Milliarde Tonnen. Ich will das nicht in Güterzüge usw. umrechnen, aber es ist verdammt viel.

Am Vormittag des 18. Mai 1980 haben sich am Nordhang des Mount St. Helens in Washington ungefähr 2,8 Kubikkilometer Erdreich auf einmal in Bewegung gesetzt und sind innerhalb weniger Sekunden weggerutscht, woraufhin sich das brodelnde Innere des Vulkans, der schon seit Wochen wie ein Dampfkochtopf unter Überdruck stand, mit Geschwindigkeiten von über 1.000 km/h entladen hat. Das Ergebnis war eine verwüstete Fläche von annähernd 1.000 Quadratkilometern, Tausende tote Tiere, 600 Quadratkilometer Wald (hätte ausgereicht, um 300.000 Einfamilienhäuser zu bauen), flachgemäht wie sprichwörtliche Streichhölzer, ein See, dessen Inhalt knapp 200 Meter hoch den Hang eines Hügels hoch- und wieder zurückschwappte. 50 Tote, teilweise begraben unter 180 Meter Schutt.

Selbst heute, 30 Jahre später, kann man der Landschaft diese Katastrophe noch deutlich ansehen. Zwar wird sich die Natur das Umland des Vulkans mehr und mehr zurückholen, doch der Berg selbst, der vorher so schön symmetrisch aussah wie der Berg Fuji in Japan, erinnert jetzt eher an einen hohlen Zahn.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass das Land der Superlative auch bei den Naturkatastrophen ganz vorne mitspielen muss. Auf jeden Fall ist ein Besuch am Mount St Helens sehr eindrucksvoll und zeigt einmal mehr, auf was für einer empfindlichen Grenzschicht zwischen kochendem Erdinneren und luftleerem Weltraum unsere Existenz sich abspielt.
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Hermann Hesse: In der alten Sonne. Erzählung, Frankfurt 1988. (Zuerst München 1905.)
Eine ganz frühe Erzählung von Hesse, recht kurz (an einem Sommernachmittag zu lesen). Es geht um eine Stadt im Schwäbischen, genauer: um ihren Rand, wo in einer alten Gastwirtschaft (“Zur Sonne”) eine städtische Unterkunft für gescheiterte Gestalten (heute würde man sagen: Sozialfälle) eingerichtet wird. Hesse schildert die vier Gestalten, die dort nach und nach einziehen und einem tristen Lebensende entgegensehen, sehr lebendig.
Im Kern geht es um zwei Grundprobleme menschlicher Existenz und somit um große Themen der Literatur: Einerseits das Bewusstsein der Endlichkeit unseres Lebens, andererseits die Unvermeidbarkeit, Fehler zu machen. Der junge Hesse schafft es, diese großen Themen in dieser kleinen, lesenswerten Erzählung so unterzubringen, dass es ganz natürlich erscheint. “In der alten Sonne” ist sicher kein typischer Hesse, aber vielleicht gerade deswegen habe ich nicht bereut, das Büchlein neulich auf dem Flohmarkt mitgenommen zu haben.
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