Reinhold Conrad Muschler: Die Unbekannte (1000 Bücher: 4)

Reinhold Conrad Muschler: Die Unbekannte. Novelle, Düsseldorf 1934.

L'Inconnue de la Seine

L'Inconnue de la Seine (Photographische Rekonstruktion auf Basis der Totenmaske)

Irgendwann um das Jahr 1900 wurde in Paris die Leiche einer jungen Frau aus der Seine gezogen. Aus Gründen, die heute nicht mehr nachvollzogen werden können, wurde von ihrem friedlichen, ja andeutungsweise lächelndem Gesicht eine Totenmaske genommen. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich dann die Mode unter Künstlern und Intellektuellen, sich eine Kopie dieser Totenmaske in die Wohnung zu hängen.

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Inconnue de la Seine von einer ganzen Reihe von Autoren als Grundlage für literarische Werke genommen. Interessanterweise war dabei neben der französischsprachigen Literatur gerade die deutschsprachige Literatur rege beteiligt. Der Roman “Die Unbekannte” von Muschler wurde sogar ein Bestseller.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Muschler verlegt die Geschichte von der Jahrhundertwende in die damalige Gegenwart, also die frühen Dreißigerjahre. Die Inconnue heißt bei ihm Madeleine Lavin, ist Waise und kommt aus der französischen Provinz. Sie will nach Paris und dort ein kleines Modegeschäft eröffnen. In Marseille lernt sie aber einen englischen Adeligen kennen - Lord Thomas Vernon Bentick. Der hat gerade seine Verlobte in Marseille zum Schiff nach Ägypten gebracht, wo auch er selbst bald seinen Dienst als englischer Diplomat anzutreten hat. In der Zwischenzeit lässt er sich mit Madeleine ein, wobei natürlich beide auf ihrem Weg nach Paris immer in getrennten Hotelzimmern übernachten. Nach einigen glücklichen Wochen, erst auf einer Reise durch Frankreich, dann in Paris, reist der Lord ohne Madeleine nach Ägypten ab, und diese steigt in die Seine:

Madeleine Lavin fühlte die Wellen nicht, sank langsam unter, sah die Mutter; [...] aber dann nahm Thomas sie in seine Arme.

“Ja, Thom, ich bin’s … ich komme!” -

Ihr Antlitz lächelte verklärt als man sie fand.

Das ganze ist mit knapp 60 Seiten recht kurz und an einem Abend zu lesen. Literarisch ist die Geschichte sicherlich nicht als der Weltliteratur zugehörig anzusehen. Muschler behauptet die Geschehnisse nur; der Leser mag ihm nicht so recht glauben. Interessant ist die Novelle aber doch, da man eine Menge lernt über das Bild, das man sich vor einem Dreivierteljahrhundert davon machte, was Frauen tun und was Frauen nicht tun.

(Bildquelle: Wikimedia)

veröffentlicht am 12. Januar 2009 um 20.41 Uhr
in Kategorie: 1000 Bücher

Keine Kommentare »

Einen Kommentar hinterlassen