Hermann Hesse: In der alten Sonne (1000 Bücher: 13)

Hermann Hesse: In der alten Sonne. Erzählung, Frankfurt 1988. (Zuerst München 1905.)
r95-012sEine ganz frühe Erzählung von Hesse, recht kurz (an einem Sommernachmittag zu lesen). Es geht um eine Stadt im Schwäbischen, genauer: um ihren Rand, wo in einer alten Gastwirtschaft (“Zur Sonne”) eine städtische Unterkunft für gescheiterte Gestalten (heute würde man sagen: Sozialfälle) eingerichtet wird. Hesse schildert die vier Gestalten, die dort nach und nach einziehen und einem tristen Lebensende entgegensehen, sehr lebendig.

Im Kern geht es um zwei Grundprobleme menschlicher Existenz und somit um große Themen der Literatur: Einerseits das Bewusstsein der Endlichkeit unseres Lebens, andererseits die Unvermeidbarkeit, Fehler zu machen. Der junge Hesse schafft es, diese großen Themen in dieser kleinen, lesenswerten Erzählung so unterzubringen, dass es ganz natürlich erscheint. “In der alten Sonne” ist sicher kein typischer Hesse, aber vielleicht gerade deswegen habe ich nicht bereut, das Büchlein neulich auf dem Flohmarkt mitgenommen zu haben.

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Orhan Pamuk: Schnee (1000 Bücher: 12)

Orhan Pamuk: Schnee. Roman, aus dem Türkischen übersetzt von Christoph K. Neumann, Frankfurt a. M. 2007.

Ein langes Buch, über 500 Seiten. Und es kommt sehr langsam in Fahrt. Der Erzähler Orhan berichtet von dem türkischen Dichter Ka, der sein deutsches Exil verlässt, um im Winter in ein entlegenes Kaff namens Kars zu fahren, ganz weit in der Osttürkei. Dort ereignet sich dann ein ziemlich absurder Militärputsch, gleichzeitig verliebt sich Ka. Von da an gewinnt die Handlung an Geschwindigkeit. Pamuk macht die zahlreichen Gräben, die die politische Öffentlichkeit durchziehen – Kopftuchfrage, die Rolle des Laizismus und des Islam, Beziehung zum “Westen”, Armenier, osmanische Vergangenheit – an diesem kleinen, rückständigen Ort sichtbar und damit gleichzeitig etwas lächerlich, aber auch besser begreifbar.

Als westlicher Leser ist man wahrscheinlich nicht in der Lage, alle Andeutungen zu begreifen, die Pamuk in dem Buch unterbringt. Aber man bekommt doch einen besseren Eindruck von den Themen, die in einem der in der heutigen Zeit interessantesten Länder eine Rolle spielen. Insofern: Ein politischer Roman, aber in ganz unaufdringlicher, angenehmer Art und Weise.

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Albert Camus: Die Pest (1000 Bücher: 11)

Albert Camus: Die Pest. Roman, aus dem Französischen übersetzt von Guido C. Meister, Hamburg 1950.

Camus beschreibt in fünf Akten das Drama einer Pestepidemie im französisch-algerischen Oran. Mit einer rätselhaften Rattenheimsuchung beginnt die Krankheit, bald darauf sterben die ersten Menschen. Die Behörden reagieren zögerlich, weil sie nicht an einen Ausbruch der Pest im 20. Jahrhundert glauben wollen, doch als die Todeszahlen ansteigen, wird die Stadt abgeriegelt – bis schließlich viele Monate später die Pest zurückgeht und das normale Leben wieder einsetzt.

Im Laufe des Romans wird deutlich, dass Camus die Pest als Chiffre verwendet für den Zweiten Weltkrieg, der gerade zu Ende gegangen war, als er den Roman schrieb. Es werden die Schicksalswege einiger Personen während der Epidemie nachgezeichnet, die der anonymen, riesenhaften und bedrohlichen Krankheit ebenso hilflos gegenüberstehen wie den mitunter drakonischen Maßnahmen der Behörden. Das Ergebnis ist eine packend zu lesende, sehr plastische Schilderung menschlicher Ohnmacht angesichts überwältigender Zeitumstände.

In der Erinnerung erscheinen die fürchterlichen Tage der Pest denjenigen, die sie erlebten, nicht als große, endlos grausame Flammen, sondern viel eher als endlose Tretmühle, die alles zermalmte. (S. 103)

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Alexander Hohenstein: Wartheländisches Tagebuch 1941/42 (1000 Bücher: 10)

Alexander Hohenstein: Wartheländisches Tagebuch 1941/42, München 1963.

Der unter Pseudonym schreibende Verfasser wurde Ende 1940 aus dem “Altreich” strafversetzt ins Wartheland: Denjenigen Teil des besetzten Polens, den die Deutschen germanisieren und dem Reich vollkommen anschließen wollten. Hohenstein wird in einer Kleinstadt als Bürgermeister eingesetzt. Er ist dem Nationalsozialismus durchaus nicht feindlich gesinnt, ist Parteimitglied. Dennoch legt er sich wegen seiner gegenüber Polen und Juden menschlich einigermaßen korrekten Amtsführung im Laufe des Jahres 1941 heftig mit seinen Vorgesetzten, insbesondere mit der NSDAP, an, entgeht knapp einer Verurteilung, wird schließlich entlassen und muss das Wartheland verlassen.

Hohensteins Tagebuchaufzeichnungen sind aus mehreren Gründen interessant. Zum einen wird hier auf der lokalen Ebene im “Osten” deutlich, wie die Besetzung Polens funktionierte, wie arrogant die Deutschen gegenüber dem besiegten Volk auftraten, wie willkürlich die Unterscheidung zwischen Polen und begünstigten “Volksdeutschen” gezogen wurde und welche drastischen Konsequenzen daran hingen. Im Wartheland versuchte sich das III. Reich an einer Kolonialpolitik der unappetitlichsten Sorte.

Zum zweiten beschreibt Hohenstein sehr anschaulich die Freiräume und Begrenzungen eines Parteifunktionärs auf niederer Ebene. Weit weg von Hitlers Reichskanzlei sind es sehr unangenehme Gestalten, die im Namen der NSDAP auftreten und Autorität ausüben. Der Staat, den Hohenstein als gewissenhafter Verwaltungsbeamter vertritt, ist von der Partei kolonialisiert worden.

Zum dritten schließlich liefert Hohenstein ein bedrückendes Bild davon, wie in einer polnischen Stadt der Holocaust ablief. Der Kontakt Hohensteins zu den bereits im Ghetto lebenden Juden der Stadt zieht sich wie ein roter Faden durch den Band, bevor – während Hohenstein im Urlaub war – die Juden grausam deportiert und bald darauf ermordet wurden. Gleichzeitig zeigt sich, dass Hohenstein selbst zwar erschüttert ist ob dieses Verbrechens, aber nicht die Dimension und die Konsequenzen begreift. Auch nach dem Verschwinden der Juden herrscht Business as Usual, und bei der Abreise aus dem Wartheland verliert Hohenstein über ihre Tötung kein Wort.

Auch wenn autobiografische Berichte immer mit einer gewissen Skepsis zu lesen sind, so handelt es sich doch bei Hohensteins Buch um einen Bericht, der auf ganz praktischer Ebene verständlicher macht, wie das nationalsozialistische Regime funktionieren konnte.

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Kressmann Taylor: Adressat unbekannt (1000 Bücher: 9)

Kressmann Taylor: Adressat unbekannt, New York 1938.

Der Holocaust ist ein Verbrechen, welches selbst in der Rückschau schwer begreiflich ist. Umso mehr Anerkennung gebührt der amerikanischen Journalistin Kressmann Taylor, die bereits 1938 den Völkermord an den Juden erschreckend weitgehend vorausgeahnt hat.

“Adressat unbekannt” ist ein dünnes Büchlein, das mit einem Vorwort von Elke Heidenreich gerade einmal 60 Seiten umfasst. Es gibt den fiktiven Briefwechsel eines amerikanischen Juden und eines Deutschen zur Zeit der Machtergreifung Hitlers wieder. Am Anfang noch Geschäftspartner und Freunde, wird der Deutsche bald zum Anhänger des Nationalsozialismus und die Freundschaft wird zu Feindschaft, bevor der eine am Ende den anderen umbringt. Dies geschieht aber auf so perfide und für den Leser nicht vorhersehbare Weise, dass man erst auf der letzten Seite bemerkt, welches Spiel der eine mit dem anderen gespielt hat. Im Gegensatz zu Elke Heidenreich verrate ich hier nicht, wie. Auf jeden Fall sollte der Leser Heidenreichs Vorwort überblättern und gleich den eigentlichen Text lesen.

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Georg Büchner: Der Hessische Landbote (1000 Bücher: 8)

Georg Büchner: Der Hessische Landbote, Offenbach 1834.

Vor ein paar Tagen fiel mir ein altes Reclam-Heft aus vergangenen Schülertagen in die Hände: Georg Büchners Hessischer Landbote. Die 17 Seiten waren schnell (während der Wartezeit beim Friseur) gelesen. Büchner hat dieses Pamphlet 1834 verfasst; er wollte die von der adeligen Herrschaft unterdrückte Bevölkerung wachrütteln und zu einem Aufstand bewegen nach Vorbild der Französischen Revolution: “Friede den Hütten! Krieg den Palästen!”. Das wusste ich noch aus meinem Grundkurs Deutsch. Aber bei der erneuten Lektüre sind mir noch zwei neue Punkte aufgefallen.

Zum einen ist der Text von vorne bis hinten mit religiöser Metaphorik durchsetzt und stellt die gewünschte Revolution auch in einen heilsgeschichtlichen Kontext: “Deutschland ist jetzt ein Leichenfeld, bald wird es ein Paradies sein.” Auf jeder Seite des Aufrufs wird das Geschehen der Vergangenheit und die Revolution der Zukunft religiös erklärt, wird Gott sogar als Verantwortlicher genannt für geschehenes Unrecht:

Weil das deutsche Reich morsch und faul war und die Deutschen von Gott und von der Freiheit abgefallen waren, hat Gott das Reich zu Trümmern gehen lassen, um es zu einem Freistaat zu verjüngen. Er hat eine Zeitlang den Satansengeln Gewalt gegeben, daß sie Deutschland mit Fäusten schlügen

Büchners Aufruf endet:

Ihr wühlet ein langes Leben die Erde auf, dann wühlt ihr euren Tyrannen ein Grab. Ihr bauet die Zwingburgen, dann stürzt ihr sie und bauet der Freiheit Haus. Dann könnt ihr eure Kinder frei taufen mit dem Wasser des Lebens. Und bis der Herr euch ruft durch seine Boten und Zeichen, wachet und rüstet euch im Geiste und betet ihr selbst und lehrt eure Kinder beten: “Herr, zerbrich den Stecken unserer Treiber und laß dein Reich zu uns kommen – das Reich der Gerechtigkeit. Amen.”

Mich hat diese religiöse Rhetorik sehr an islamische Heilsversprechen der Gegenwart erinnert (auch wenn es da natürlich große Unterschiede gibt). Büchners Revolution, wenn sie denn gekommen wäre, wäre eine sehr fromme Revolution gewesen.

Die zweite bemerkenswerte Eigenschaft an Büchners Text betrifft die soziale Frage. Der Hessische Landbote prangert nicht nur die mangelnde Freiheit an, sondern auch die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit des Spätfeudalismus:

Der Bauer geht hinter dem Pflug, der Vornehme aber geht hinter ihm und dem Pflug und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug, er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln. Das Leben des  Bauern ist ein langer Werktag; Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen, sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tische des Vornehmen.

Doch geht es Büchner nicht um staatliche Transferleistungen, sondern um eine Reduzierung der Steuerlast. Detailliert schildert Büchner, Haushaltsposten für Haushaltsposten, wer die Steuern zahlt und wofür sie verwendet werden. Die soziale Frage, so bekommt man den Eindruck, ließe sich nach Büchners Vorstellung vor allem durch Steuersenkungspolitik und Bürokratieabbau lösen:

Für das Ministerium des Innern […] werden bezahlt 1.110.607 Gulden. Dafür habt ihr einen Wust von Gesetzen, zusammengehäuft aus willkürlichen Verordnungen aller Jahrhunderte, meist geschrieben in einer fremden Sprache. Der Unsinn aller vorigen Geschlechter hat sich darin auf euch vererbt, der Druck, unter dem sie erlagen, sich auf euch fortgewälzt.

Für Büchner gehen Freiheitlichkeit und eine Verbesserung der sozialen Frage Hand in Hand. Ein freiheitlicher Staat ist die Bedingung für ein menschenwürdiges Leben. Von Büchner könnten viele linke Politiker, die allein in Umverteilung die Lösung von sozialen Missständen sehen, eine Menge lernen.

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Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein (1000 Bücher: 7)

Paul Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983.

O je! O weh! Was soll ich tun? Mich faßt Verzweiflung! O Jammer und Not! Ojeoje, ojemine! Die Sorgen! O Verzweiflung! O drohend Ungemach! Ach, ach, so grauenvolle Untat ward noch nie begangen! O weia, o weia!

O je! O weh! Was soll ich tun? Mich faßt Verzweiflung! O Jammer und Not! Ojeoje, ojemine! Die Sorgen! O Verzweiflung! O drohend Ungemach! Ach, ach, so grauenvolle Untat ward noch nie begangen! O weia, o weia!

Hier kann ich es kurz machen. Watzlawick und ich sind miteinander nicht warm geworden. Vielleicht lag es daran, dass ich das Buch als Wartezimmerlektüre ausgesucht hatte, vielleicht daran, dass ich mich nicht als unglücklichen Mensch beschreiben würde. Gut, manche der Mechanismen, mit denen wir uns unsere eigene Existenz schwerer machen als notwendig, kamen mir bekannt vor, sei es aus eigener Erfahrung oder aus der Beobachtung der Mitmenschen. Aber ich fand das alles dermaßen zäh erzählt, dass ich nach knapp drei Vierteln das Buch aus der Hand gelegt habe.

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Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe (1000 Bücher: 6)

Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe, München 2009.

Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um.

Friedhof in Budapest

Friedhof in Budapest

Das ist der Paukenschlag, mit dem die Journalistin Johanna Adorján ihr Buch anfängen lässt. Sie erzählt, was ihre Großeltern, Vera und Istvan, am letzten Tag ihres Lebens gemacht haben, was und wie sie miteinander gesprochen haben, wie sie sich auf die technische Durchführung des Selbstmordes vorbereiteten und gleichzeitig ihre Dinge ordneten für die Zeit danach: Der Hund wird (unter einem Vorwand) zu einem befreundeten Ehepaar gebracht, es wird ein Kuchen gebacken für die Kinder und Enkel (zu Weihnachten), außerdem Geschenke gepackt für die Familie. Der todkranke Istvan, Arzt, ist damit beschäftigt, hunderte von Schlafmittelkapseln aufzuschneiden und den Wirkstoff zu entnehmen, damit er am Abend, mit Wasser geschluckt, schneller wirkt als in der Gelatinekapsel.

In Rückblenden, die sich in die fiktive Erzählung dieses letzten Tages schieben, setzt Adorján das Leben der beiden kriminalistisch-akkurat zusammen. Beide stammen aus dem jüdischen Großbürgertum Budapests. Die Verfolgung durch die Nazis überleben sie, wenn auch knapp – Istvan war im KZ, als der Krieg endete. Nach dem Krieg arrangiert man sich mit den neuen Umständen, wird Sozialist aus Pragmatismus, nicht aus Überzeugung. 1956 schließlich, nachdem der Aufstand Anfang November gescheitert ist, fliehen sie (mit den Kindern) über die Grenze nach Österreich und beginnen schließlich ein neues Leben in einem Vorort von Kopenhagen.
Diese Geschichte einer jüdischen Familie bildet den roten Faden, der sich durch die Erzählung Adorjáns zieht. Vordergründig rekonstruiert sie Leben und Sterben ihrer Großeltern, besucht deren noch lebende Bekannte, fährt zu den Schauplätzen ihres Lebens, forscht in dem kümmerlichen Nachlaß. Eigentlich aber ist Adorján auf der Suche nach ihren eigenen ungarisch-jüdischen Wurzeln, nach einem verschütteten Teil ihrer Identität. Sie ärgert sich darüber, dass sie kaum ein Wort ungarisch versteht. Sie wirft ihren Großeltern nicht vor, dass sie sich umgebracht haben – dafür äußert sie sogar beim Besuch eines Pflegeheims Verständnis – aber sie ist ihnen böse, weil sie ihr jüdisches Erbe nicht weitergegeben haben in der Familie, dass eine lange Tradition abgerissen ist.

Johanna Adorján ist ein gleichzeitig sehr nüchternes und sehr bewegendes Buch gelungen. Sie richtet nicht über ihre Großeltern, erhebt keine Besitzansprüche auf ihre Lebensgeschichte. Erst dieser Respekt Adorjáns vor ihren Großeltern gibt der Collage die ungeheure Tragkraft, die sie auf jeder einzelnen Seite besitzt.

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Alberto Moravia: Die Lichter von Rom (1000 Bücher: 5)

Alberto Moravia: Die Lichter von Rom. Neue römische Erzählungen, aus dem Italienischen übersetzt von Katarina Helmling, München 1965.

Die Lichter von Rom (Via Nazionale, Mai 1998)

Die Lichter von Rom (Via Nazionale, Mai 1998)

Alberto Moravia ist ein Schriftsteller, den heute kaum jemand kennt. Dabei wurde er um 1970 sogar als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, wie ich einem Rezensionstext der Welt am Sonntag entnehme, der auf dem Umschlag meines uralten rororo-Heftchens (vom Flohmarkt) abgedruckt ist.

Moravias racconti romani sind kurz: keine ist länger als sechs Seiten, und das macht die Lektüre recht angenehm, weil man sie immer mal zwischendurch lesen kann. Er erzählt kleine Episoden aus dem Alltag der einfachen Menschen, immer aus der Perspektive eines Ich-Erzählers. Heute gibt es ja gar keine “einfachen Leute” – in diesem positiven Sinne verstanden – mehr, aber vor 40 Jahren muss das in Italien noch anders gewesen sein: Die Geschichten sind voll mit Arbeitern, Tankwarten, Kaffeebarangestellten, Blumenverkäuferinnen, die im Leben nicht viel mehr vorhaben als über die Runden zu kommen, vielleicht zu heiraten und ein kleines wenig sozialen Aufstieg zu schaffen:

Du hast leicht reden, du bist immer in Rom. Hast Du denn eine Ahnung, was es heißt, in Campagnano zu leben? Bestimmt nicht. Hier in Rom gibt’s doch Geschäfte, Kinos, Cafés, Autos, Straßen, auf denen Betrieb ist, und Lichter –

Moravia streut in die Erzählungen viele Namen von Straßen und Plätzen in Rom ein, und die Protagonisten trinken meistens entweder Espresso in der Kaffeebar oder Wein aus offenen Flaschen in der Osteria. Dabei ist all das, was erzählt wird, nie kitschig, sondern in bestem Sinne unterhaltend. – Empfehlenswert!

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Reinhold Conrad Muschler: Die Unbekannte (1000 Bücher: 4)

Reinhold Conrad Muschler: Die Unbekannte. Novelle, Düsseldorf 1934.

L'Inconnue de la Seine

L'Inconnue de la Seine (Photographische Rekonstruktion auf Basis der Totenmaske)

Irgendwann um das Jahr 1900 wurde in Paris die Leiche einer jungen Frau aus der Seine gezogen. Aus Gründen, die heute nicht mehr nachvollzogen werden können, wurde von ihrem friedlichen, ja andeutungsweise lächelndem Gesicht eine Totenmaske genommen. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten entwickelte sich dann die Mode unter Künstlern und Intellektuellen, sich eine Kopie dieser Totenmaske in die Wohnung zu hängen.

In den folgenden Jahrzehnten wurde die Inconnue de la Seine von einer ganzen Reihe von Autoren als Grundlage für literarische Werke genommen. Interessanterweise war dabei neben der französischsprachigen Literatur gerade die deutschsprachige Literatur rege beteiligt. Der Roman “Die Unbekannte” von Muschler wurde sogar ein Bestseller.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Muschler verlegt die Geschichte von der Jahrhundertwende in die damalige Gegenwart, also die frühen Dreißigerjahre. Die Inconnue heißt bei ihm Madeleine Lavin, ist Waise und kommt aus der französischen Provinz. Sie will nach Paris und dort ein kleines Modegeschäft eröffnen. In Marseille lernt sie aber einen englischen Adeligen kennen – Lord Thomas Vernon Bentick. Der hat gerade seine Verlobte in Marseille zum Schiff nach Ägypten gebracht, wo auch er selbst bald seinen Dienst als englischer Diplomat anzutreten hat. In der Zwischenzeit lässt er sich mit Madeleine ein, wobei natürlich beide auf ihrem Weg nach Paris immer in getrennten Hotelzimmern übernachten. Nach einigen glücklichen Wochen, erst auf einer Reise durch Frankreich, dann in Paris, reist der Lord ohne Madeleine nach Ägypten ab, und diese steigt in die Seine:

Madeleine Lavin fühlte die Wellen nicht, sank langsam unter, sah die Mutter; […] aber dann nahm Thomas sie in seine Arme.

“Ja, Thom, ich bin’s … ich komme!” –

Ihr Antlitz lächelte verklärt als man sie fand.

Das ganze ist mit knapp 60 Seiten recht kurz und an einem Abend zu lesen. Literarisch ist die Geschichte sicherlich nicht als der Weltliteratur zugehörig anzusehen. Muschler behauptet die Geschehnisse nur; der Leser mag ihm nicht so recht glauben. Interessant ist die Novelle aber doch, da man eine Menge lernt über das Bild, das man sich vor einem Dreivierteljahrhundert davon machte, was Frauen tun und was Frauen nicht tun.

(Bildquelle: Wikimedia)

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