Neue ePaper-App: FAZ begeht Online-Harakiri

Totholz auf Holztisch

Totholz auf Holztisch, mit Trauerblumen?

Zu Beginn dieses Jahres habe ich nach fast zehn Jahren mein Abo der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gekündigt. Die Zustellung der FAZ klappt im Winterhalbjahr in Kiel nur recht unzuverlässig: Häufig reichten schon zwei Zentimeter Neuschnee, und die Fußmatte blieb am Morgen leer.

Doch wir leben ja nun im 21. Jahrhundert, und da bot sich eine Alternative an: Das e-paper, bequem auf dem Tablet PC zu lesen. Leider gibt es (bis heute) keine Android-App, aber die iOS-App fürs iPad funktionierte wirklich recht anständig.

Gut, ein paar Merkwürdigkeiten waren da, und sie hätten mich vielleicht stutzig machen sollen. Dass auch der elektronischen Ausgabe der Kursteil – mehrere eng “bedruckte” Seiten – mitgegeben wird, wäre vielleicht noch als Schrulligkeit hinzunehmen. Aber dass Artikel, die auf Seite 1 anfangen und dann im Inneren fortgesetzt werden, nicht in einem Stück zu lesen sind und auch kein Link zur Fortsetzung vorhanden ist, hat mich schon gestört. Die FAZ-App war, bis zu dieser Woche, eine Eins-zu-eins-Kopie der papiernen FAZ. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Die Qualität der Bilder war sogar deutlich schlechter als in der Printausgabe.

Dennoch konnte ich mich im Januar recht schnell entscheiden, auf die Papierausgabe zu verzichten: Das rein elektronische Abo ist deutlich günstiger als das Abo der gedruckten FAZ; die Ersparnis liegt bei immerhin 15 Euro im Monat (31,90 statt 46,90 Euro). Wenn man eben bereit war zu akzeptieren, dass sich die gesamte Bedienlogik an einem Printprodukt orientierte, konnte man glücklich werden mit der FAZ-iPad-App.

Im Laufe der letzten Woche gab es nun ein Update. Zunächst einmal wurde man zum Umstieg auf die neue Version gezwungen – die alte App funktionierte einfach nicht mehr. Dann ist die neue App sehr viel langsamer als die alte. In vielen Aspekten ist sie nicht einmal schlechter als die alte Version, nur deutlich langsamer und grundsätzlich anders in der Bedienung. Verkleinerungs- und Vergrößerungsgesten funktionieren nicht mehr; der Zugriff auf die einzelnen Bücher innerhalb einer Ausgabe ist deutlich erschwert. Und am schlimmsten: Alle paar Minuten stürzt die App vollständig ab. Da auch der Start der App recht lange dauert, ist seitdem das Zeitungslesen zur nervenaufreibenden Geduldsprobe geworden.

Ein Stück Software dieser Qualität auf (zahlende!) Kunden loszulassen, zeigt mir, dass für die FAZ alles Digitale immer noch nerviges Gedöns ist. Seit Jahren gehen die Leserzahlen der gedruckten Ausgabe zurück; mit Nachrichten-Websites wie faz.net ist kein oder nur wenig Geld zu verdienen. Die FAZ reagiert darauf überwiegend dadurch, dass sie ihre bislang lukrativen Printprodukte ohne allzu große Anpassung ins Internet drücken will. Ach ja, und mit der Durchsetzung des Leistungsschutzrechts.

Warum eigentlich muss ich mich als ein Leser, der durchaus bereit ist, Geld für Nachrichten auszugeben, für ein Abonnement einer Zeitung entscheiden? Warum gibt es nicht eine App, in die alle großen deutschen – vielleicht sogar internationalen – Zeitungen und Zeitschriften ihre Artikel einstellen? Der Leser könnte dann die Artikel oder Zeitungsteile lesen, die ihn interessieren – vielleicht den Politikteil der FAZ, aber das Feuilleton der Süddeutschen, dazu vielleicht noch den Leitartikel der taz und ein paar Meldungen aus den lokalen Kieler Nachrichten.

Abgerechnet werden könnte artikelweise, wobei sinnvollerweise eine Deckelung der Kosten eingeführt werden sollte pro Zeitung, d. h., wenn zum Beispiel jeder Artikel 20 Cent kostet, die FAZ-Ausgabe gesamt aber 2,00 Euro, dann müsste nach Abruf des 10. FAZ-Artikels der Rest der FAZ dieses Tages ohne weitere Kosten zur Verfügung stehen.

So wahnsinnig schwierig wäre das doch eigentlich gar nicht, und meine Ideen sind auch nicht besonders neu oder revolutionär.

Also, liebe Tante FAZ: Ich gebe gerne Geld aus fürs Zeitunglesen. Ich möchte es aber nicht in Form von regendurchnässtem Papier tun, das ich morgens von meiner Fußmatte hineinholen muss, wenn Eure Logistikkette gerade mal auf Zack ist. Erzählt mir nicht, dass das, was ich möchte, technisch nicht möglich wäre. Apple hat mit iTunes vorgemacht, dass so etwas geht.

So könnten die FAZ und ich doch noch Freunde bleiben. Wenn sie es aber nicht (bald) schafft, zumindest die e-paper-App wieder in einen brauchbaren Zustand zu versetzen, dann werde ich wohl mein e-paper-Abo kündigen und der Kostenlos-Kultur im Internet huldigen, indem ich eben auf faz.net lese. Viele, wenn nicht sogar die meisten Artikel der Printausgabe bekommt man da nämlich sowieso kostenfrei. Was übrigens auch nicht gerade die Wertschätzung der FAZ für ihre zahlenden Kunden ausdrückt.

veröffentlicht am 30. June 2013 um 16.31 Uhr
in Kategorie: In der Welt

Ein Kommentar »

  1. Nachfolgend die Nichtzustellungsquoten der FAZ am Erscheinungstag bei mir (Recklinghausen):
    2013: ca. 6% 2014: ca. 4%, 2015: ca. 11% per 11.5.15, (Juni 2015 : 50% !!! – per 8.6.15)Ich habe meine Lastschriftermächtigung zurückgezogen, bestehe auf Erteilung und Zusendung der Gutschriften
    per Post. Einschaltung Vertriebsleitung, Geschäftsleitung und Aufsichtsratvorsitzenden bringt nichts. Reklamationen sende ich nur noch per FAX und bestehe wegen der Gutschrift auf Eingangsbestätigung, daneben habe ich die FAX Sendebestätigung. Wenn ein Großteil der betroffenen Abonnenten dies machen, werden möglicherweise die Eigner (eine Stiftung) wach – ehe die FAZ aus der Presselandschaft verschwindet.

    Comment by Werner Zielniewicz — 11. June 2015 @ 22:40

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